Interview Schnitzkurse

"Holz hat auch seinen eigenen kopf"

Die 22-jährige Annabell Hellwig hat 2019 den Sommer-Schnitzkurs in der Holzspielzeugmacherschule in Seiffen besucht. Seitdem ist das Schnitzen ihr Ruhepol und Hobby. Auf ihrem Instagram Kanal woodenescape zeigt sie kreative Arbeiten, die sich sehen lassen können.

Annabell, wie bist du auf Idee gekommen, einen Schnitzkurs zu besuchen?

 

Die erzgebirgischen Traditionen und die Liebe für das Handwerk wurden mir sozusagen in die Wiege gelegt, denn meine Mama betreibt ein kleines Geschäft in Seiffen. Viele ihrer bekannten Schnitzer sind mittlerweile in Rente. Aus der Not heraus, meine Mutter weiter mit geschnitzten Tieren zu versorgen, dachte ich, „so schwer kann das doch nicht sein“ und probierte es kurzerhand selbst aus. Ich habe alle Fehler gemacht, die man als blutiger Anfänger machen kann: stumpfes, altes Messer, falsches Holz, viele Verletzungen und wenig Geduld – klar war ich enttäuscht nach den ersten Versuchen! Meine Mama meldete mich und meinen jüngeren Bruder dann zum Schnitzkurs an.


 

Was hast du beim Schnitzkurs gelernt?

 

Beim Schnitzen lernt man so einiges fürs Leben: Mit viel Geduld und Spucke kommt man zum Ziel, man darf nur nicht so schnell aufgeben! Wer denkt, dass man nach einer Woche Kurs aus einem Holzblock eine Figur schnitzen kann, hat weit gefehlt. Ich habe alle wichtigen Basics vermittelt bekommen: Wie man ein Schnitzmesser richtig schärft, welche Hölzer gut geeignet sind und wie man die Muskulatur in den Händen trainiert und entspannt – denn Schnitzen ist harte Kopf- und Muskelarbeit. Begonnen wird mit kleineren Kerb-Schnitzübungen am Brett, um die richtige Messerhaltung zu erlernen. Danach beschnitzt man Reifentier-Rohlinge zum fertigen Tier. In der Schnitzkurs-Woche habe ich 20 verschiedene Figuren, vom Reh bis zum Pudel, gefertigt.


 

Heute ist Schnitzen dein Hobby. Warum bist du am Ball geblieben?

 

Schnitzen ist so viel mehr als ein nur ein Hobby. Ich studiere Lehramt für Deutsch und Religion im sechsten Semester. Neben der vielen Kopfarbeit kann ich mich beim Schnitzen entspannen: Die Holzbearbeitung braucht meine volle Aufmerksamkeit – ich kann dabei alles um mich herum ausblenden und bin absolut fokussiert. Ich sitze fast jeden Tag am Küchentisch und schnitze. Es braucht nicht viel, nur ein gutes Schnitzmesser und ein Stück Holz. 


Würdest du noch einmal teilnehmen?

  

Man kann sich immer neu herausfordern und etwas dazulernen. Ich habe zuhause keine Werkstatt, um größere Figuren einzuspannen und mit Stecheisen und Klöpfel zu bearbeiten. Die Kursgrößen sind relativ klein, so dass der Lehrmeister auf den Kenntnisstand jedes einzelnen Teilnehmers eingehen kann. 

 

Was möchtest du Interessenten mit auf den Weg geben?

  

Kauft euch keine große, teure Ausrüstung vorher – ihr bekommt alles im Kurs gestellt. Und eigentlich braucht es nur ein richtig gutes Schnitzmesser. Viel wichtiger ist, dass man nach dem Kurs dranbleibt, die Muskulatur im Training hält und seine Kenntnisse weiter vertieft. Ich war überrascht, dass es kein Schema F beim Reifentierschnitzen gibt – nach dem Motto: erst zwei Längsschnitte und dann drei quer. Man muss es einfach ins Gefühl kriegen und dann fließen lassen, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Nach einem halben Jahr täglichem Training hatte ich den Dreh raus und habe für die etwa 30 Schnitte beim Reh nur noch etwa 5 Minuten gebraucht. Am Anfang war es eine Stunde und länger. Wenn man ein paar Schritte weiter ist und aus dem Block schnitzt, braucht es schon mehr Vorstellungskraft. Aber das Produkt entsteht im Prozess – denn Holz hat auch seinen eigenen Kopf. 



Bildnachweis:

Annabell Hellwig, privat